Grundprobleme der Rechts- und Staats­philosophie – Philo­­sophische Anthropologie des Politischen

Hans Ryffel

Hans Ryffel, Grundprobleme der Rechts- und Staats­philosophie – Philo­­sophische Anthropologie des Politischen, Neuwied/Berlin: Luchter­hand, 1969.

Introduction

Stringently concluded, natural law theory leads to a claim for true law, and accordingly relative natural law to temporary true law. We have already encountered the differentiated position elaborated by Hans Ryffel in his early dissertation (see no. 1.10 of this Legal Anthology). Later the author frankly declared to have changed his mind and confesses an explicit abolition of natural law theory, in a letter exchange with Hans Merz. He even agrees with a citation of Walther Burckhardt (“Die Verwirklichung der reinen Idee des Rechts in einer konkreten Rechtsordnung führt durch die unreine Werkstatt der beschränkten Menschen”) that gives the context of the following arguments: “Sachlich entspricht der Idee des Gerechten (unter gegebenen Umständen) stets nur eine Rechtsordnung; welcher von verschiedenen Vorschlägen der richtige sei, ist nicht nur eine Frage des subjektiven Empfindens, sondern eine nach objektivem Massstab zu lösende Frage. Aber in dieser Frage haben die unvollkommenen Menschen, die sie beantworten sollen, nur eine unvollkommene Einsicht; und ihre Antwort wird deshalb auch, nach ihrer subjektiven Bedingtheit, verschieden sein. Wenn man sie, die beschränkten Menschen, entscheiden lässt, führt man ein irrationales Moment in das Problem ein, und es gibt keine Gewähr mehr für eine rationelle Lösung. Kein Mittel kann mehr gewährleisten, dass die richtige Lösung herauskomme, ja dass überhaupt eine Lösung herauskomme. Folgerichtigerweise muss man darüber stets die Vernunft entscheiden lassen; aber dann bleibt die Lösung auch stets (unter den Menschen) unentschieden, da der Appell an die Vernunft stets offen bleibt”.

In his answer to this letter, Hans Merz indicates a crucial point that serves as a key to a better understanding of the legal thought held by Hans Ryffel: “Gewisse Schwierigkeiten bereitet mir (und wohl auch Ihnen) die Konkretisierung der moralischen Selbstbestimmung in der demokratischen politischen Wirklichkeit. Sie verlangen von den Beteiligten, dass sie sich gemeinsam den Rechtsnormen unterstellen, die am unverfügbaren Massstab orientiert sind. Wir wissen, dass das für nicht so wenige Beteiligte nicht gilt. Ihnen gegenüber muss aber die einigermassen der Rechtsidee entsprechende Ordnung doch durchgesetzt werden. Das Wort ‘Rechtsidee’ ist mir unwillkürlich in meinen Gedankengang geflossen. Ich habe daraufhin bei Burckhardt in der ‘Organisation [der Rechtsgemeinschaft]‘ geblättert und bin dabei auf die Stelle gestossen[:] ‘Die Verwirklichung der reinen Idee des Rechts in einer konkreten Rechtsordnung führt durch die unreine Werkstatt der beschränkten Menschen[; wer eine Rechtsordnung haben will, muss die Gefahr der Verunreinigung der Idee mit in Kauf nehmen]‘. Ist das nicht ein Gedanke, der Ihrer Auffassung ebenfalls zugrunde liegt?”

In a typewritten letter from 27th August 1987, Hans Ryffel responds as follows: “Die Konkretisierungsprobleme bedürften in der Tat der Bearbeitung, und ich hoffe, in einer grösser angelegten Sache (so etwas wie ‘Elemente einer Philosophie der Praxis’, die freilich gar sehr unter dem grossen Vorbehalt Ihres ‘Dieu voulant’ stehen) auch dazu etwas mehr als bisher sagen zu können, obwohl mich diese Dinge ‘sub specie …’ nicht sonderlich ansprechen. Konkrete Einzelheiten – es sei offen eingestanden und aufrichtig beklagt – waren schon immer weder meine Vorliebe noch meine Stärke (worüber sich bekanntlich der Teufel freuen dürfte). / Was die Konkretisierung der Selbstbestimmung anbelangt, stimme ich dem Burckhardt-Zitat ganz zu (die ‘unreine Werkstatt des Menschen’ – ein trefflicher Ausdruck – ist nicht der Ort, wo das reine Richtmass der ‘Rechtsidee’ zur Geltung kommen könnte)”. To carry out his inaugurated writing has not been allowed to Ryffel, however.

Historical Situation and Systematic Context

After having been nominated professor at the „Hochschule für Verwaltungs­wissenschaften” in Speyer in 1962, Hans Ryffel developed his views further and set legal thought in a greater context, namely he enlarged the frame of disciplines to be considered to provide a true concept of legal and state community to sociology and political theory. His main interests remain philosophical, insofar as they refer to the extended context of life and being, however with a strong inclination toward anthropological philosophy. The relationship between the scientific disciplines and philosophy should not be misunderstood as a repartition of the subjects treated by the specific methods. Rather, the independence of the specific disciplines has to be compensated by philosophy that provides a relational knowledge to the spiritual life and to human experience, including the relation between theory and practice. “Die offenen Kontroversen der Wissenschaft, die in den Einzeldisziplinen immer wieder auftauchen und in disparaten oder gegensätzlichen methodologischen Positionen, etwa in der juristischen Auslegungslehre oder in der Diskussion über die ‘Werte’ und das ‘Naturrecht’, ausdrücklich formuliert werden, können nur im Lichte der philosophischen Besinnung beigelegt werden, sofern eine Beilegung grundsätzlich überhaupt möglich ist. Ebenso verspricht ein Rückgang auf die philosophischen Grundfragen am ehesten eine Überwindung der Nöte der Praxis. Und soweit die philosophische Besinnung weder wissenschaftliche Kontroversen beizulegen noch praktische Nöte zu beheben vermag, kann sie doch die Gründe solchen Misslingens aufdecken”. Philosophy is eventually proposed as a domain, where interdisciplinary questions can be discussed and overcome. Coherence, the relation to the whole context, is best guaranteed by philosophical reflected thought, that can judge the individual pretensions to gain valid knowledge by the different scientific disciplines.

Content, Abstracts/Conclusions, Insights, Evidence

Scientific theory and practice designate a tension that is constantly debated by Hans Ryffel. We have selected two passages for further reading, one dealing with the renewal of philosophy itself, and one with considerations to the practical outreach of jurisprudence, state theory and political theory. After having treated the philosophical foundations of the scientific disciplines in cause, Ryffel addresses the core question of the possibility of a philosophical founded reflection on the practice of life (“Lebenspraxis”). “Die philosophisch reflektierende Lebenspraxis unterwirft die Wissenschaften, aber auch alle menschlichen Betätigungen, kurz: das Dasein im ganzen, den Massstäben des Richtigen und zieht daraus Folgerungen für die Gestaltung der rechtlich-staatlichen Ordnung. [...] In eine solche philosophische Reflexion, die sich in der Gestaltung der rechtlich-staatlichen Ordnung unweigerlich auswirkt, durch bestimmte Vorkehren oder auch die Unterlassung solcher, werden nicht nur die Wissenschaften, sondern alle Betätigungen des Menschen, die auf das gemeinschaftliche Dasein von Einfluss sind und diese verändern oder bestätigen, einbezogen, von der Wirtschaft bis zur Kunst und Religion. [...] / So zielt die in der Lebenspraxis sich einstellende philosophische Reflexion letztlich auf die eine Frage nach der richtigen Gestaltung der Praxis im ganzen, die immer auch eine politische Frage ist”.

Within such a perspective, the empirical based disciplines, that generate factual knowledge (“Tatsachenwissenschaften”), are accentuated and a major importance is conferred to them, eventually.

Philosophical Valuation and Jurisprudential Significance

It is a rather long way from natural law theory to sociological, anthropological and political philosophical thought. Actually, this evolutionary development within the process of increasing scientific efforts occurs to follow an internal logic. Within such a tendency, philosophy is destined to ensure critical distance and to provide a neutral forum, where the proposals and suggestions of the various disciplines can be validated or disqualified in the light of their integration in a holistic perspective. This attempt closes the circle and leads back to the inaugural lecture by Hans Ryffel, held on the 14th of February 1953, entitled “Philosophie und Leben” (Bern: Paul Haupt, 1953; see no. 9.4 of this Legal Anthology).

Further Information About the Author

Hans Ryffel, born 27 June 1913 in Berne, died 30 September 1989 in Thun, studied from 1932 onwards both jurisprudence and philosophy at the University of Berne. In 1943 he handed in his dissertation “Das Naturrecht” at the philosophical-historical faculty. Nevertheless, he also had his patent as a lawyer in court already in 1938. From 1951 onwards he taught as a private lecturer general philosophy, in particular philosophy of the law and theory of the state, before he was called to the „Hochschule für Verwaltungs­wissenschaften“ in Speyer in 1962, where he remained until 1979, and whose chancellor he was two times. His main interest was normative rules for human behaviour and his intention was to make evident the multiple dimensions of the legal and social sciences.

For further information and for a complete bibliography, please consult:

Erk Volkmar Heyen: Vom normativen Wandel des Politischen – Rechts- und staatsphilo­sophisches Kolloquium aus Anlass des 70. Geburtstags von Hans Ryffel, Berlin: Duncker & Humblot, 1984.

Selected Works of the Same Author

Hans Ryffel: Das Naturrecht – Ein Beitrag zu seiner Kritik und Rechtfertigung vom Standpunkt grundsätzlicher Philosophie, Bern: Herbert Lang & Cie., 1944 (extract); Idem: Rechtssoziologie – Eine systematische Orien­tie­rung, Neuwied/ Berlin: Luchterhand, 1974 (extract); Idem: Zur anthropologischen Begründung des Rechts, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, supplementary vol. 4, Stuttgart: Franz Steiner, 1988, pp. 9ss.; Idem: Philosophie und Leben, Antrittsvorlesung, gehalten am 14. Februar 1953, Bern: Paul Haupt, 1953.

For Further Reading

Helmut Coing: Die obersten Grundsätze des Rechts – Ein Versuch zur Nebegründung des Naturrechts (Schriften der Süddeutschen Juristen-Zeitung, vol. 4), Heidelberg: Lambert Schneider, 1947; Idem: Naturrecht als wissenschaftliches Problem, in: Sitzungsberichte der wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, vol. 3 (1964), No. 1, Wiesbaden: Franz Steiner, 1965;

René Marcic / Ilmar Tammelo: Naturrecht und Gerechtigkeit (Salzburger Schriften zur Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie, vol. 9), Frankfurt am Main/ Bern/ New York/ Paris: Peter Lang, 1989;

Adolf Menzel: Zur Lehre vom Naturrecht, in: Beiträge zur Geschichte der Staatslehre (Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-historische Klasse, vol. 210, no. 1), pp. 107 ss., Wien/ Leipzig: Hölder-Pichler-Tempsky, 1929 (reprint Glashütten im Taunus: Detlev Auvermann, 1976);

Hans Ryffel: Recht und Moral nach dem neuzeitlichen Umbruch, in: Verrechtlichung und Verantwortung, ed. Helmut Holzhey and Georg Kohler, in: Studia philosophica, supplementary vol. 13, Bern: Paul Haupt, 1987, pp. 81-103; Idem: Gewissen und rechtsstaatliche Demokratie, in: Verwaltung im Rechtsstaat, Festschrift für Carl Hermann Ule zum 80. Geburtstag, ed. Helmuth Quaritsch, Köln: Heymanns, 1987, pp. 321-335;

Guglielmo Salvadori: Das Naturrecht und der Entwicklungsgedanke – Einleitung zu einer positiven Begründung der Rechtsphilosophie, Leipzig: Theodor Weicher, 1905;

Hans Welzel: Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, Görringen: Vandenhoeck & Ruprecht, 4th ed. 1962 (1st ed. 1951);

Erik Wolf: Das Problem der Naturrechtslehre – Versuch einer Orientierung (Freiburger Rechts- und Staatswissenschaftliche Abhandlungen, vol. 2). Karlsruhe: C. F. Müller, 2nd ed. 1959.

Text

You can find a scan (PDF) of the original text here: Ryffel Rechts- und Staatsphilosophie.